Gretl, sag allen, Vater hat es geschafft! Spannend, fesselnd, nie gesehen.

Für alle Leserinnen und Leser ab zwölf Jahren | 7,99 Euro

Als im Dreißigjährigen Krieg Hunger, Tod und Angst sein Dorf zerstören, bleibt Wille nur die Flucht. Auf der Suche nach seinem Vater durchstreift er finstere Wälder, begegnet ungeahnten Naturkräften und stellt sich Herausforderungen, die ihn an das Ende seiner Kräfte führen. Immer an seiner Seite: Gretl.

Auf der Flucht beginnt Wille zu schreiben. Blatt für Blatt hält er fest, was nicht verloren gehen darf: Begegnungen, Schrecken, Wunder.

Seine Aufzeichnungen wurden für die Nachwelt aufbewahrt und erst Jahrhunderte später durch eine viel beachtete Versteigerug der Weltöffentlichkeit zueil. Was sie erzählen, ist mehr als eine Fluchtgeschichte.

Eine Novelle von Fabian Stendtke.

Archaisch im Ton, zeitlos in der Wahrheit.

Für alle Leserinnen und Leser ab 12 Jahren und hier als Druckversion erhältlich! 

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AB 12 JAHREN | 82 SEITEN | 12×19 CM | 7,99 Euro

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Gretl, sag allen, Vater hat es geschafft!

LESEPROBE

Eine Abenteuer-Novelle
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L
LETZTES BLATT - WORTE, DIE DAS LICHT SUCHEN

Wahrlich! Vater hat es geschafft!

Tragt es hinaus in die Welt: Es ist ihm geglückt!

Z
ZWEITES BLATT - ALLER URSPRUNG

Es nahm an einem Dienstag oder Mittwoch im zehnten Monat seinen Anfang, als jemand heftig gegen unsere Holztüre klopfte. Das Klopfen war lauter als gewöhnlich, dennoch musste es Agnes gewesen sein. Sie war in unserem kleinen Dorf, was keine einhundert Seelen zählte, die Einzige, die noch zu uns sprach und auch die Einzige, die uns hin und wieder Reste längst verkommenen Brotes vor die Tür stellte. Als Frau des griesgrämigen Linhart, der im Dorf die einzige Mühle betrieb, war Agnes bei Wind und Wetter auf einem Feld außerhalb des Dorfes anzutreffen, an dessen Südseite ein weiteres – längst nicht mehr bewirtschaftetes – kleineres Feld angrenzte, in wessen Mitte neben einer großen und Schatten spendenden Linde eine fensterlose und der Witterung mehr und mehr zugesetzte Holzhütte stand, die jetzt, im Herbste, dem kühlen Westwind als Faustpfand diente.

Ringsum die Hütte reckten noch vor nicht allzu langer Zeit unzählige Gersten- und Weizenhalme der Sonne ihre lichthungrigen Hälse entgegen, doch seit dem Beginn der großen Hungersnot vor wenigen Monden, die mit dem Durchmarsch und den Plünderungen der bayrischen Truppen begann, ist das einst blühende Gelb des nährenden Getreides dem kahlen Braun eines fruchtlosen und längst zertretenen Bodens gewichen. Die Kornspeicher des Tales leerten sich mit jeder Umdrehung der Sonne und auch wenn das Mühlrad sich stetig weiterdrehte, hatte es doch kaum noch etwas zu mahlen.

 Häufig schon hatten die Männer des Dorfes, so konnten wir es von unserem Zuhause aus beobachten, Versuche unternommen, das inzwischen tote Feld wieder nutzbar zu machen, nun zum Herbste Grünkohl oder Feldsalat zu bestellen, doch es blieb jede Mühe vergebens. Vater sah ihnen ein jedes Mal bei ihrer zehrenden Arbeit zu und meinte nur, dass ein jedes Getreidefeld Erholung und Zeit brauche, ehe es wieder nahrhaften Boden besäße und hervorbringen könne, wonach wir Menschen lechzten.

Zeit und Erholung, und vielleicht noch Gottes Segen, mehr brauche es nicht.

Die Zeit, in der wir leben, lehrt uns jedoch mit jeder Schwalbe, die Leb wohl sagt: Es ist nicht der Augenblick für Ruh und Rast.

Dem kargen Bild Trost spenden konnte einzig der kleine mit einem Flechtzaun eingefriedete Gemüsegarten neben der Hütte, der den dunklen Gegebenheiten zum Trotz dem jahrtausendealten Kreislauf der Natur zu folgen schien, ganz gleich dem Umstand, dass in den letzten Nächten zahlreiche der angebauten Kartoffeln, Möhren und Kürbisse heimlich gestohlen wurden und die mittägliche Suppe mit jedem weiteren Tag dünnflüssiger wurde.

Nie haben Vater, Gretl oder ich die Diebe in unserem Garten je zu fassen bekommen. Unzählige Nächte lagen wir in unserem Holzverschlag wach und blickten durch einen kleinen Spalt nach draußen. Kalte Luft zog hindurch, Regentropfen bahnten sich ihren Weg in das Innere, aber niemanden, der uns bestahl, konnten wir eindeutig erkennen. Schatten, die kamen. Schatten, die gingen. Die Linde im Wind, groß wie der Kirchturm und so alt wie die Welt selbst. Ab und an ein herabfallendes Blatt und Vögel, die nach Würmern suchten. Das wenige, was wir hatten, wurde genommen. Ich habe mich oft gefragt, warum wir nicht mit Vaters Hellebarden Wache hielten. Oder mit einem kräftigen Stock, dies hätte auch gereicht. Aber jedes Mal, wenn unsere Ernte ausblieb, wenn das Grollen unserer Mägen über Auen und Bergwiesen zu hören gewesen sein musste, und ich Vater fragte, warum wir nichts unternähmen, meinte er, dass Gewalt nicht mit Gewalt besiegt werden könne und wir zufrieden sein sollten, dass wir in Regennächten nicht dem freien Himmel ausgesetzt seien und der uns umgebende Wald mehr als ausreichend Holz für unseren Kamin und viele weitere Kostbarkeiten und Wunder liefere.

D
DRITTES BLATT - WIE EIN FEUERBALL

Und doch konnte die Lage, in der wir uns befanden, nicht von langer Dauer sein. Vater sagte immer, dass die Zeit des Aufbruchs nahe sei und wir schon in wenigen Tagen fortziehen würden. Die meisten Vorbereitungen seien bereits abgeschlossen und, so Gott will, würden wir noch vor Beginn des nächsten Vollmondes losziehen. Was genau Vater unter diesen Vorbereitungen verstand, wussten weder Gretl noch ich so genau. Wir waren nicht eingeweiht und hüteten schon wochenlang tagsüber das Haus, ehe Vater völlig erschöpft mit dem Einbruch der Dunkelheit, und manchmal auch darüber hinaus, bei uns eintraf.

Es ist nun schon über drei Jahre her, als wir nach Mutters Tod an jenem verhängnisvollen Abend unser kleines Bruchsteinhaus am Dorfplatz verlassen mussten und nur mit einem Bündel Kleidern unter dem Arm und unseren wichtigsten Habseligkeiten die Anhöhe vor den Toren des Dorfes hinaufgetrieben wurden. In eine alte Holzhütte. Neben einer ausgewachsenen Linde. In der Mitte eines Feldes, was uns schon lange nicht mehr gehörte.

Oft bewundere ich Vater für seine Ruhe. Seine Kraft. Und für seine Zuversicht. „Mein Sohn, es wird alles gut!“

Selten, ganz selten nur, ließ sich Vater zu der Aussage verleiten, dass das Dorf die dunkle Niederkunft verdient habe, die das Tal vor nicht langer Zeit mit dem Erreichen der Soldaten das erste Mal heimgesucht hatte. Dann aber, im nächsten Augenblick, besann Vater sich ein jedes Mal und wurde wieder ganz ruhig. Im Dämmerlicht der Kerze sah ich dann an seinen Lippen, wie er das Vater-Unser betete und um Vergebung bat.

„Wille! Mach auf!“, klopfte es erneut, diesmal so laut und ungestüm, wie es die Knöchel nur zuließen: „Gleich schon kommen die Männer den Berg hinauf. Sie tragen Fackeln und sinnen nach Rache. Sieh nur!“ Die einfallenden Sonnenstrahlen verrieten mir, dass es bereits später Nachmittag sein musste, als ich mich nach dem Mittagsschlafe von meiner strohbedeckten Schlafunterlage erhob und an die Eingangstüre der Hütte begab. Ohne die Querbohle zu heben, die die Pforte sicher verschloss, blickte ich durch das einzige nicht mit Baumharz verklebte Astloch.

Gleich hinter Agnes, noch unten im Tal, aber bald schon da, war eine Schar Männer zu erkennen, die in ihren Händen eindeutig Fackeln und – ich glaube, es waren Äxte? – trugen. Ich blickte in Agnes´ Gesicht, deren Mund und Nase von einem dicken Tuch bedeckt waren. Einzig ihre müden, blauen Augen und die von der Arbeit gezeichnete Stirn lagen frei. „Dem Schuster, sagen sie, habe dein Vater heute früh das Pferd und seinen Sohn entrissen. Nun kommen sie, euch zu holen!“

Die Worte trafen das Innere unserer Hütte wuchtig wie ein Feuerball, der auf die Erde schlug. Agnes Augen sagten mir, dass es nun Zeit war, aufzubrechen.

V
VIERTES BLATT - AUFBRUCH

Das kleine Loch, durch das ich schaute, wurde schmaler und schmaler, bis es letztendlich nahezu verschwamm. Wie ein aufgescheuchtes Reh stand ich regungslos da, machte dann aber einige Schritte rückwärts und stieß mit dem Kreuz gegen unseren Esstisch. Er stand in der Mitte unserer bescheidenen Hütte, Vater hatte ihn damals vom Dorfschreiner errichten lassen und bei den letzten Arbeitsschritten – dem Leimen, Schleifen und vereinzelten Entgraten – selbst Hand anlegen wollen. Einige Tage vor der Geburt meiner Schwester Margharete stand der Tisch mit seiner kostbaren Platte aus bergischem Eichenholz dann endlich in unserer Stube. Wir nahmen Forellen auf ihm aus, sortierten Linsen. Dort lernte ich das Schreiben meiner ersten Buchstaben, noch ungestüm wie junge Zweige im Frühlingswinde. Zu Tisch wurde gelacht und später auch getrauert, bis gestern Abend las Vater mir noch an ihm vor, so wie er es ein jedes Mal tat, nachdem er in der großen Stadt seine Sprossen, Pilzsammlungen und Pflanzensamen gegen ein Büchlein oder eine Abschrift eintauschte. Und dann lasen wir so lange, bis in der Tiefe der Nacht die Geister schon längst wieder in ihren Verstecken verschwunden waren und Vater entkräftet über dem Buche einschlief. Ich lernte viel über Pflanzen, über heimische Pilze, über Tiere im Wald – auch wenn ich mich nie traute, diesen Wald alleine zu betreten. Über Medizin und Heilkunde sog ich alles auf, was ich hörte oder las.

Weiterhin erinnere ich mich noch genau daran, als Vater damals, kurz vor Margharetes Ankunft, unseren alten, und wie er sagte viel zu kleinen, aber keinesfalls schlechten Tisch gegen zwei nicht sehr wohl gegerbte und an den Rändern bereits abgenutzte Schaffelle eingetauscht hatte. Auf dem Dorfplatz meinte später ein jeder, dass dies ein schwacher Tausch gewesen sei und der alte Friedrich Vater über das Ohr gehauen hätte. Aber Vater war glücklich. (Dass uns bis zum heutigen Tag jedoch der Platz an unserem ursprünglichen Tisch gelangt hätte, konnten wir zu der Zeit natürlich noch nicht ahnen.)

Geh nicht fort! Bald schon komme ich wieder heim. In Liebe, Vater.“ Jetzt erst sah ich den kurzen Brief, den Vater in die Mitte des Tisches gelegt und mit einem kleinen Stein beschwert hatte. „Geh nicht fort!“, las ich das Geschriebene nun laut vor. So, dass auch Gretl, die nun neben mir stand, es hören konnte. Auch ihr war sicherlich bewusst, dass wir Vaters Bitte nicht erfüllen konnten und schnellstmöglich fortgehen müssten. „Gretl, was benötigen wir alles?“, kam es aus meinem Mund. „Was wird uns helfen? Wo ist Vater? Was hat er vor?“ Gretl blickte mich, der derweil eilig in unseren Habseligkeiten kramte, mit ihren friedfertigen, grünen Augen an, und deutete auf Vaters Lederbeutel hin, der seit jeher an einem rostigen Nagel an der Wand aufbewahrt wurde und über deren Inhalte ich nur wenig wusste, außer, dass sich darin Dinge befanden, die er zum Forschen benötigte. „Mehr braucht es nicht?“, vergewisserte ich mich den Beutel greifend. Gretl schüttelte ihren Kopf und gab mir zu verstehen, dass der Wald, die Felder, die Seen und Bäche uns alles bereitstellen würden, was der Aufbruch verlangte. Und so bekam ich in der Eile einzig ein kleines Jagdmesser, unsere alte Öllampe, ein wärmendes Fell, etwas Zwirn und Mutters Brosche zu fassen. Dazu zwei kleine Fässchen Tinte, Vaters Feder und alle Leinenblätter, die wir besaßen. Ich verstaute alles in einem großen Sack und schaute Gretl erneut an. „Gretl! Es geht auf!“

Ich blickte noch ein letztes Mal durch das Astloch ins Tal. Die Männer waren inzwischen deutlich zu erkennen. Es waren sechs an der Zahl, von denen vier am helllichten Tage Fackeln in den Händen trugen. Ganz vorne erkannte ich den Schuster. Genau wie Agnes sagte. Dass sie rasch gingen, aber nicht liefen, gab mir die Gelegenheit, die beiden breiten Dielen, die sich an der hinteren Stirnseite gegenüber der Tür befanden, vorsichtig auszuhebeln, so wie es Vater immer tat, wenn er wollte, dass die Holztüre von innen fest verschlossen blieb, damit er Gretl und mich nicht aus dem Schlaf holen musste, wenn er bereits vor Sonnenaufgang loszog.

Als Letztes legte ich Gretel noch ihr Lederhalsband um, nahm eine Handvoll Stroh für sie mit und schritt mit ihr durch die Öffnung ins Freie. Ich lehnte die Dielen wieder an, schulterte den Wandersack und verließ mein Zuhause in der entgegengesetzten Richtung, aus der bereits die ersten Flammen schlugen. Die Sonne schien friedlich vom Himmel.

F
FÜNFTES BLATT - GRETL

Gretl war keineswegs eine gewöhnliche Ziege. Der Tag, an dem sie uns zulief, ist nun schon vier Jahre und zwei Monate her. Es hätte aber auch erst gestern gewesen sein können, so nah habe ich alles vor Augen.

Es war der Tag, an dem meine Schwester Margharete an Wundbrand starb. Margharete war gerade einmal zwei Wochen alt, als der Herrgott sie zu ihm rief. Alle meine Freunde, die ich damals noch besaß, trugen einen Kurznamen. Michel, Hermo, Marte. Mich rief man Wille – und nicht Wylhelm. Einzig Margharete besaß noch keinen Namen, mit dem sie von ihren Freunden im Spiel gerufen wurde. Sie war noch zu jung, um Freundschaften zu schließen. Zu jung, um Bekanntschaften zu machen. Nur fünf Menschen haben sie lebendig je zu Gesicht bekommen: Mutter, Vater, ich, die Hebamme und der alte Doktor Wieland. Und so wird sie mir auf ewig als Margharete im Herzen sein.

Mutter und Vater saßen an Margharetes Todestag noch stundenlang an ihrem Bettchen und trauerten, ehe sie ihre Hände auf ihrem kleinen Bäuchlein falteten, die sporenbedeckten Lappen, in die Vater alle Hoffnung der Welt gesetzt hatte, von ihrer entzündeten Wunde nahmen und Margharete schließlich noch am selben Abend mit dem Segen des Pfarrers begruben.

Bis heute wissen wir nicht, wieso der liebe Gott Margharete nicht mehr Zeit auf Erden zugestanden hat. Mutter machte sich von diesem Tag an immer wiederkehrende Vorwürfe, Margharete, als sie noch so jung und zerbrechlich war und gerade erst ein paar Stunden in unserer Mitte, in der Nacht nicht besser vor der Ratte behütet zu haben, die sie in ihren Oberschenkel zwickte. Und auch Vater grollte nicht zählbare Abende, dass seine Behandlung, die zuletzt immer öfters glückte, nichts anrichten konnte und die Lumpen, die er behutsam mit heilenden Sporen bestrich, keine Wirkung zeigten. Mutter sagte dann ein jedes Mal: „Julius, es ist gut. Der Doktor hat nichts unversucht gelassen. Du tatest das Erdenkliche. Gott wird für Margharete im Himmel sorgen!“

Und damit tröstete sie Vater mehr als sie sich selbst trösten konnte.

Gretl gelang es, zu dieser Zeit ein wenig Zerstreuung in unsere Familie zu bringen. Die erste Zeit noch banden wir sie in unserem Garten an der jungen Erle fest – entschlossen, sie so bald wie möglich wieder abzugeben. Vater hatte überall nachgefragt, wem diese Ziege entlaufen sei – selbst im Nachbarsdorf – aber niemand vermisste ein derartiges Tier. Und so beschlossen wir, Gretl bei uns zu halten. Unser Garten war groß und an der einen Seite durch einen schmalen Bach und an der anderen Seite durch Brombeerbüsche abgegrenzt. An den Obstbäumen hatte Gretl immer etwas zu kauen, Birnen schmeckten ihr besonders. Bis auf einige Hühner besaßen wir keine weiteren Tiere. Wenn Vater, der sich damals noch als Küster verdingte und mehr Zeit in der Kirche als bei uns verbrachte, am Abend Holz spaltete, sah sie ihm bei der Arbeit zu. Ich und Hermo spielten häufig Ritter mit ihr und stellten uns vor, sie sei unser Ross. Gretl war noch jung, Mutter schätzte sie auf wenige Monate, und so hatten wir alle Hand voll zu tun, ehe sie wusste, wo sie sich zu versäubern hatte, welches Fressen für sie und welches für uns bestimmt war und wo es gebilligt wurde, hineinzubeißen und wo man es ihr verwehrte; etwa in Vaters Bücher. Wenn mit dem Ende des Tages Ruhe einkehrte und wir gemeinsam am lodernden Kamin saßen, stupste sie mir oft vorsichtig in die Rippen, was mir geheißen hatte, sie zu streicheln. Nachts warnte sie uns vor Ratten, Mäusen und anderen Schädlingen, indem sie ihre Hufen laut auf den Boden schlug, wenn sich wieder eines dieser Tiere vom nahen Bachlauf in unsere Stube verirrt hatte. Einmal sogar, ich schlief bereits fest und kann nur aus Erzählungen berichten, hat sie unser Haus und unsere Seelen vor dem Niederbrand geschützt, als ein Bündel Reisig, was zum Trocknen zu nah am Kamin gelagert wurde, urplötzlich in Flammen stand. Es ist Gretl und Gott zu verdanken, dass meine Eltern das Feuer rasch löschen konnten, ehe die Flammen alles verschluckt hätten.

Eines Tages, ich erinnere mich noch ganz genau, fragte mich Mutter, wie wir die Ziege denn nennen sollten. Keine Kuh im Dorf besaß einen Namen, das hätte ich gewusst, es gab kein einziges Schaf auf den Wiesen, das der Bauer mit Namen rufen konnte, wenn es geschoren werden sollte. Unserer Ziege einen Namen zu geben, gefiel mir aber. Und da ich meine Schwester noch immer sehr vermisste, nannte ich sie so, wie ich meine Schwester vermutlich auch irgendwann einmal gerufen hätte: Gretl.

Einige Monate später starb auch Mutter dann – der Doktor sagte, dass es die Ruhr gewesen sei, aber Vater und ich waren uns sicher, dass sie an einem gebrochenen Herzen starb.

Ich vermisse sie.

Ich sehe die ersten Sterne aufziehen; bereit, die Nacht willkommen zu heißen. Gretl, es geht weiter. Ein sicheres Nachtlager muss her.

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